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Literatur > Buchbesprechungen > Jankauskas

Jankauskas, Antanas: LIETUVA specializuotas pašto ženklų katalogas (1918-2012 –Special Lithuanian Postage Stamp Catalogue Litauen (1918-2012).
Kaunas, Eigenverlag 2012, ISBN 978-609-408-183-5, 496 Seiten, Hardcover, mehrere tausend farbige Abbildungen. Bezug zu 68,- € inklusive Versand.
Philatelisten, die sich mit der Markenwelt Litauens beschäftigen, sind in den letzten Jahren außergewöhnlich aktiv. Ein weiteres Beispiel dafür liegt nun vor: der umfassende Katalog der Briefmarken Litauens von 1918-2012 von Antanas Jankauskas. Dieser Autor ist seit Jahren bekannt als der Herausgeber der litauischen Zeitschrift PHILLIT und des spezialisierten Kataloges von Neu-Litauen, der hier nun eingearbeitet ist.
Jahr um Jahr hat Jankauskas für den Katalog recherchiert und die Zwischenergebnisse in PHILLIT publiziert. Viele namhafte Philatelisten aus der ganzen Welt, in einer beigefügten Liste benannt, haben daran mitgewirkt. Leider sagt der Autor nicht viel über seine Quellen und Beweggründe im doch allzu knapp geratenen Vorwort. Auch die sehr kurz geratene Bibliografie spiegelt sicher nicht alle verwendeten Quellen wider. Aber dann, wenn man das knapp 500 Seiten dicke Buch aufschlägt: eine Fülle von Daten und Abbildungen, wobei das Hauptaugenmerk auf Plattenfehler gelegt ist (ein Hobby von Jankauskas). Um es vorwegzunehmen: Man kann dem Autor für dieses umfangreiche Werk nur gratulieren und es jedem ernsthaften Sammler empfehlen!
Der Katalog genügt dem selbstgestellten Anspruch, alle relevanten Gebiete abzudecken: Das unabhängige Litauen, Lokalausgaben, Besetzungsausgaben, Postgebiet Ob.Ost, Memel, DP-Camps, Ganzsachen, Mittellitauen (das einzige, was darüber greifbar ist, seit das Buch von Pacholczyk vergriffen ist!) und sogar Probedrucke und Essays. Alles ist mit farbigen Abbildungen und kompetenten Preisangaben versehen. Die Nummerierung folgt in den Hauptnummern dem Michel-Katalog, eine kluge Entscheidung!
Die Darstellung der Weltkrieg II-Lokalausgaben ist die detaillierteste und optisch ansprechendste, die mir bekannt ist. Jankauskas bewies hier ehrenwerten Mut zur Lücke und ließ dieses Gebiet vom bekannten amerikanischen Sammler Dr. V. Geyfman verfassen. Da Prof. U.E. Klein den Artikel redigierte, kann man hier auch von der aktuellsten Darstellung dieses beliebten Sammelgebietes sprechen. Allerdings fehlt auch hier wieder eine Gewichtung bzw. Beurteilung der Relevanz einzelner Ausgaben und Abarten. Die Ausgaben von Anykšiai und Pajuris sind doch sehr umstritten! Das Kapitel zu den Atlantikflügen von Darius, Girėnas und Vaitkus ist mit zweieinhalb Seiten definitiv zu knapp geraten, dies entspricht aber der Stellung dieser Ausgaben in Litauen. Sie haben dort, schon aufgrund der hohen Preise und des Vertriebs fast ausschließlich in Deutschland und den USA kaum eine Rolle gespielt. Konsequenterweise sind für die Überdruck-Vignetten keine Preise genannt. Auch beim Kapitel Memel ist man mit dem Handbuch von Ludwig sicherlich besser bedient. Dagegen sind die Ausgaben von Warwischki und Telšiai in einer Ausführlichkeit mit allen Feldmerkmalen dargestellt, die man bis jetzt vergeblich gesucht hat! Vermutlich hat hier der große Philatelist Dr. V. Doniela seine Kenntnisse weitergegeben.
Jankauskas geht beim Aufbau seines Kataloges den Weg des New Yorker Handbuches von 1978, die Abarten aller Marken ohne Rücksicht auf deren Wichtigkeit hintereinander aufzulisten. Plattenfehler und Druckzufälligkeiten sind mit einem „v“ gekennzeichnet. Wohltuend entspannt geht Jankauskas mit dem Thema Zähnungen um. Er benennt eindeutig, dass diese um ¼ schwanken können, eine Aussage, die ich nur unterstützen kann. Alte Streitereien, ob nun Zähnung 11 ¼  oder 11 ½ sind damit nun überflüssig. Die Papiere der litauischen Briefmarken reagieren so empfindlich auf Farben, Gummi und Wasser, so dass dieZähnungen in diesen Größenordnungen schwanken können.
Nachteilig auf die Darstellung wirkt sich ein Grundansatz des Autors aus: Jankauskas sieht Unterschiede zwischen Marken, also vermerkt er sie, egal aus welchem Grund: andere Auflage oder nur Schmier- fleck. Es wird nicht differenziert zwischen unterschiedlichen Marken, Abarten, Plattenfehlern, Setzfehlern und Klecksen, mithin Zufälligkeiten. Jankauskas berücksichtigt nicht, dass der Steindruck zu Flecken, Verschmierungen und Löchern neigt, die nach einem Druckgang schon wieder verschwunden sein können. So verschwinden wichtige Varianten unter einer Fülle von Zufälligkeiten: Es  werden z.B. für die Nr. 64 (40sk ocker) 11 Varianten angegeben, wobei die wichtigste Marke ohne Wasserzeichen hiermit x6 bezeichnet wird und unter den anderen Varianten mit geklebter Papierbahn, Abklatsch usw. (mithin Zufälligkeiten, keine Abarten!) nahezu verschwindet! Dies ist durchgehendes Prinzip: Sieht eine Marke anders aus, bekommt sie eine Unterbezeichnung mit v oder x, wobei wichtige Abarten unter Dutzenden von Druckzufälligkeiten untergehen.
Die Beispiele ließen sich fortsetzen: Bei den Nrn. 118-120 (dritte Flugpostausgabe) werden allein 91 Flecken und Kleckse angegeben, darunter aber versteckt als v2 die echte Type II (Punkt in der Rosette). Die verschiedenen Typen gehen in der Fülle der Druckzufälligkeiten unter. Die Marke mit dem „gelben Bogen“ fehlt hier. Dies ist aber eine der ganz wenigen Lücken – die Zahl der Fehler ist insgesamt außerordentlich gering! Nr. 318 (erste 7 Tage-Ausgabe, Wert zu 15 c) erhält für einen Klecks, also eine Zufälligkeit, die beim nächsten Druckgang schon wieder weggeputzt sein kann, die Bezeichnung v1. Der bekannte Setzfehler ohne Stecherzeichen erhält dann v2, beide Marken sind also als völlig gleichwertig angesehen. Nr. 294 Vytautas 3 cent mit dem echten Setzfehler „193“ statt „1930“ (v1) kostet nur unwesetlich mehr als die gleiche Marke mit einem Fleck über dem N (v2)!
Mit dem vor einem halben Jahr erschienenen „Handbuch der Briefmarken Litauens“ liegen nun also zwei umfangreiche Werke über die Philatelie Litauens vor. Braucht man beides? Braucht die Philatelie beides? Die Antwort ist eindeutig „ja“! Die Zielsetzungen beider Werke sind sehr unterschiedlich: Die unbestreitbaren Stärken des in gefälligem Grau auftretenden Kataloges liegen zweifellos in der umfassenden Auflistung aller bekannten Marken (man hat alles in einer Hand) mit knappen und knappsten Informationen und der optischen Gestaltung in Farbe, mit vielen in zahllosen langen Nächten erarbeiteten Vergrößerungen (wobei man sich die prozentuale Angabe wie in der Zeitschrift HBG gewünscht hätte) und der vollständigen Auspreisung. Mit seinem bilingualen Text (litauisch/englisch) wird der Katalog sicherlich auch international große Verbreitung unter der Sammlerschaft finden. Die Nachteile liegen in der unsystematischen und ungewichteten Parallelauflistung und damitder Vermischung richtiger Abarten mit Zufälligkeiten,  damit einhergehend einer gewissen Unübersichtlichkeit. Auch dass Fakten sehr knapp dargestellt sind und viele Hintergrundinformationen fehlen, ist schade, aber es entspricht dem Ansatz eines Kataloges. Dafür kann man sich dann das grüne Handbuch zulegen, das den Anspruch hat, möglichst viel Wissen zu sichern und systematisierend und bewertend die Hintergründe, Entstehung, Technik und Unterschiede der Marken beschreibt und dabei detailliertere Kapitel z.B. über die Sruoga-Affäre und die Atlantikflüge enthält, also Enzyklopädie und Lesebuch sein will. Katalog und Handbuch - zwei Bücher, die sich perfekt ergänzen.
Martin Bechstedt



 
 
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